Lean Excellence als First-Tier Supplier (Teil 7/8): Randbedingung – Versorgungssicherheit des OEMs

Lean Excellence als First-Tier Supplier (Teil 7/8): Randbedingung – Versorgungssicherheit des OEMs

Die garantierte Versorgungssicherheit des OEMs muss in einem wettbewerbskritischen Umfeld oberstes Ziel des First-Tier Suppliers sein und durch entsprechende Vorkehrungen gewährleistet werden. Im „leansten“ Fall ist der Versorgungsnachschub durch eine Just-in-Time/Just-in-Sequence-Anlieferung des Second-Tier Suppliers an das First-Tier und von diesem an den OEM realisiert. Somit kann der First-Tier Supplier lediglich mit Montagepuffern arbeiten und eine konventionelle Lagerhaltung vermeiden. Dies ist jedoch nur in sehr stabilen Szenarien unter gewissen Randbedingungen möglich. In weniger stabilen Szenarien und bei bestimmten Störeinflüssen ist dagegen eine Vorhaltung von Lagerbeständen benötigter Komponenten zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit für den First-Tier Supplier unvermeidbar. Denkbare Beispiele für Störungen sind eine unvorhersehbare kurzfristige Nachfrage des OEMs, fehlerhafte Abrufe, kurzfristige Variantenänderungen, erhöhte Ausschussgefahr der eigenen Produktion und mangelnde Termintreue von Lieferant und Spedition. Der First-Tier Supplier muss entscheiden, ob eine Absicherung der Versorgungssicherheit bei deterministischen Teilen über den klassischen Sicherheitsbestand oder einen Vorlaufbestand realisiert werden soll. Dabei ist die Abrufhäufi gkeit und -varianz der Komponente von entscheidender Bedeutung: Eher selten abgerufene Komponenten, die aber kurzfristige Nachfrage-Peaks mit wenig Reaktionszeit zeigen, werden eher über Sicherheitsbestandskomponenten, regelmäßige Komponenten über Vorlaufbestand disponiert. Zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit sind jederzeit aktuelle Bestandsinformationen aus dem jeweiligen Dispositionssystem notwendig, damit Bestandsunschärfen das Dispositionsbild nicht verzerren. Während in klassischen Logistikszenarien Dispositionsläufe in der Nacht oder einmal pro Woche gegebenenfalls ausreichen, finden sich in JIT-Szenarien oft untertägige Beschaffungsplanungen – bei mehrmaligem Nachschub am Tag eine Notwendigkeit, sofern er nicht sowieso über ein Kanban-System organisiert ist. Zeitnahe Bestandsbuchungen sind daher von essentieller Bedeutung. Auch sollte die Lagerstruktur dem Disponenten Transparenz über die Bestände geben. In einem konkreten Fall war es dem Disponenten eines First-Tier Suppliers nicht möglich, in seiner Disposition untertägig die Bestände von Komponenten im Eingangslager von WIP-Beständen zu unterscheiden. Während eines Versorgungsengpasses musste er in die Fertigung und das Lager gehen und die Anzahl der noch nicht verbauten Einkaufsteile zählen, um zu beurteilen, ob der Bestand noch bis zum nächsten Versorgungs-LKW reichen würde. Voraussetzung für eine sinnvolle Disposition in einem JIT-Szenario ist daher die Bestandsgenauigkeit im Planungssystem. Um diese herzustellen, bedarf es der zeitnahen Verbuchung von Bestandsbewegungen, einer sinnvollen Trennung verschiedener Bestandsarten und Maßnahmen zur Minimierung von Bestandsbuchungsfehlern.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit des OEM veranlassten Maßnahmen oft Mehraufwand darstellen. Zwar reduzieren beispielsweise Scanner-Systeme den für genauere Bestandsbuchungen notwendigen Prozessaufwand und verbessern auch die Buchungsqualität, notwendige Bestandserhöhungen können jedoch kaum kompensiert werden. In einer Risikoanalyse muss im Einzelfall die Gewährleistung der Versorgungssicherheit durch einzelne Maßnahmen abgewogen werden. Da durch Fehlbestände verursachte Produktionsstillstände enorme Umsatzausfälle zur Konsequenz haben können, stehen Vorkehrungen zur Versorgungssicherheit dem Lean Excellence-Ansatz nicht entgegen. Im Gegenteil: Versorgungssicherheit ist eine Randbedingung für Lean Excellence.

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