Globalisierte Beschaffungsmärkte

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Die Studienergebnisse belegen, dass Wechselkursschwankungen, hohe Korruptionsraten und unzureichende Lieferantenqualität die größten Risikofaktoren in der globalen Beschaffung darstellen. Besonders die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) werden als risikobehaftete Beschaffungsmärkte kategorisiert.Aufgrund der Globalisierung ist es für Unternehmen unerlässlich, sich auf die wachsende Dynamik innerhalb der unterschiedlichen Märkte einzustellen und schnell reagieren zu können. Im folgenden Kapitel setzt GEXSO deshalb die Betrachtung der Beschaffungsmärkte fort und schließt damit die Lücke zwischen interner Unternehmensentwicklung und den externen Einflüssen der Marktgegebenheiten. Zunächst soll erörtert werden, welche Kriterien vor allem Einfluss auf die Entscheidungen über Beschaffungsaktivitäten haben, um im Anschluss die wahrgenommenen Herausforderungen der Beschaffungsmärkte und deren Attraktivität in der Zukunft aufzudecken. Abgeschlossen wird das Kapitel durch die Betrachtung einer Matrix, die es ermöglicht, die einzelnen Beschaffungsmärkte zu kategorisieren und Implikationen für das notwendige Risikomanagement abzuleiten.

Globalisierungskriterien (Beschaffungskriterien)

GEXSO_Studie2_Grafik25Die wichtigsten Entscheidungskriterien für die Beschaffungsaktivitäten in einem Land sind die Produktqualität und die Materialkosten. Bei den beiden Parametern sind Unternehmen in größtem Maße in der Lage, regionale Unterschiede auf operativer Ebene zu ihrem Vorteil zu nutzen. Quantifiziert bedeutet dies, dass insgesamt 47,4 Prozent der befragten Unternehmen die Kombination Materialkosten und Produktqualität mit höchster Priorisierung aufweisen. Davon legen wiederum
63,0 Prozent mehr Wert auf eine hohe Produktqualität, während für 37,0 Prozent die geringeren Materialkosten das ausschlaggebende Kriterium darstellen. Der ungehinderte Zugang zu Rohstoffen spielt in der Beschaffungsentscheidung dagegen nur eine untergeordnete Rolle. Daraus lässt sich schließen, dass die Mehrzahl der Unternehmen vorrangig Teile, Baugruppen oder Module beschafft.

Darüber hinaus befragte GEXSO die Teilnehmer nach den wichtigsten Barrieren für eine erstmalige oder gesteigerte Beschaffung in lokalen Märkten. Als bedeutendste Hindernisse konnten dabei eine unzureichende Infrastruktur und ein mangelnder Schutz des geistigen Eigentums identifiziert werden. Vor allem der letzte Punkt erscheint im Lichte der Beschaffungsaktivitäten, die nach Auswertung der Entscheidungskriterien vor allem teile- und baugruppenfokussiert ausfallen, sehr passend. Hier wird gezeigt, wie wichtig heutzutage Ideen, Produktdaten und Produkt- und Prozesswissen für den Unternehmenserfolg sind.

Die Eintrittsbarrieren können für eine zeitliche Verzögerung der Aufnahme von Beschaffungsaktivitäten in einem Markt, deren Ausbleiben oder im schlimmsten Fall aus Unternehmenssicht für stark erschwerte Bedingungen verantwortlich sein. Zusätzlich zur Identifikation der branchenübergreifend wahrgenommenen Eintrittsbarrieren konnte GEXSO eine Besonderheit im Branchenvergleich aufdecken. Als einzige Branche bewerteten die Industriekomponentenhersteller die Thematik der Wechselkursschwankungen als wichtige Eintrittsbarriere. Diese Besonderheit lässt die Frage zu, ob Unternehmen aus dieser Branche sogenannte „best practices“ im Zahlungsverkehr anderer Industriezweige analysieren und nach Anpassung anwenden könnten.

Herausforderungen in Beschaffungsmärkten

GEXSO_Studie2_Grafik26GEXSO_Studie2_Grafik27Im vorigen Abschnitt wurden die Entscheidungskriterien für Beschaffungsaktivitäten und bestehende Markeintrittsbarrieren alleinstehend betrachtet. In den folgenden Kapiteln soll nun eine gewichtete Darstellung der einzelnen Länder und Beschaffungsproblematiken aufgeführt werden. Zunächst werden die existierenden Problematiken identifiziert, die aktuell von den befragten Unternehmen wahrgenommen werden. Dann werden die einzelnen Beschaffungsmärkte in Bezug auf Schwierigkeit verglichen, um daran anknüpfend die beiden Variablen in einer Matrix-Darstellung zusammenzuführen. Mit Hilfe der Matrix können die bestehenden Problematiken den einzelnen Märkten zugeordnet und Implikationen für ein effektives Risikomanagement abgeleitet werden.Über alle Beschaffungsmärkte hinweg stellen nach Meinung der befragten Unternehmen Wechselkursschwankungen, eine hohe Korruptionsrate und eine unzureichende Lieferqualität die drei größten Schwierigkeiten dar. Jedoch gibt es auch hier Unterschiede zwischen den einzelnen Industrien. Wechselkursschwankungen spielen für Automobilzulieferer nur eine untergeordnete Rolle, während vor allem die bisher noch zentralisierteren Fabrikanten der Industriekomponenten eine Gefahr durch volatile Währungen im internationalen Handel sehen.GEXSO hat die Anzahl der Nennungen von Beschaffungsschwierigkeiten für ausgewählte Märkte konsolidiert dargestellt (Abb. 27). Insgesamt werden die BRIC-Staaten als problematischste Beschaffungsmärkte wahrgenommen. Dabei sind vor allem in China und Russland die mit Abstand schwierigsten Beschaffungsmärkte. Während in China der Schutz des geistigen Eigentums und das unzureichende Produktqualitätsniveau der Lieferanten die größten Herausforderungen darstellen, sind in Russland Korruption und die politischen Rahmenbedingungen die wichtigsten Themen. Die geringsten Beschaffungsschwierigkeiten sehen die Unternehmen branchenübergreifend in Tschechien und der Slowakei. Beide Länder können zusätzlich durch eine hohe Attraktivität punkten (siehe weiter unten). Diese wird im Rahmen der folgenden Potenzialbewertung dargestellt und könnte vor allem mit der EU-Mitgliedschaft, Nähe zu den Heimatmärkten der Unternehmen und einer guten Infrastruktur in den beiden Märkten zusammenhängen.
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Die Matrix-Darstellung zeigt die Verteilung der Schwierigkeiten innerhalb der einzelnen Beschaffungsmärkte. Die Grafik erlaubt zwar nicht den Vergleich einzelner Länder, ermöglicht aber die Identifizierung der wichtigsten Schwierigkeiten innerhalb des jeweiligen Landes. Unterstützend kann jedoch die Grafik der Länderbewertung und die Häufigkeit der jeweiligen Nennung eines Landes herangezogen werden (Abb. 27). Die Kombination beider Grafiken gibt Aufschluss über die individuelle Marktsituation.Allgemein fällt bei der gemeinsamen Betrachtung der Grafiken auf, dass Länder, die generell als sehr schwierige Beschaffungsmärkte angesehen werden, auch Problematiken von häufig existentiellerem Ausmaß aufweisen. Als Beispiele können hier die bereits betrachteten Märkte Russland und China aufgeführt werden. Gegenbeispiele sind Japan und die USA. Beide Länder werden von den befragten Unternehmen als eher unproblematisch wahrgenommen – am häufigsten werden lediglich Wechselkursschwankungen genannt.

Attraktivität globaler Beschaffungsmärkte

GEXSO_Studie2_Grafik29Untersucht wurde von GEXSO darüber hinaus die Attraktivität von einzelnen Beschaffungsmärkten und welche Bedeutung die untersuchten Regionen in den nächsten Jahren haben werden. Dies wird im nächsten Kapitelabschnitt in einem Modell verfeinert und mit den bereits erforschten Schwierigkeiten verglichen. Gefragt wurde nach dem Grad der Attraktivität pro Land. Mit Hilfe einer gewichteten Bewertung verdeutlicht die Grafik, dass die befragten Unternehmen China, Tschechien, Indien, Türkei und Slowakei die höchste Attraktivität attestieren. Demgegenüber werden Mexiko und Vietnam als Beschaffungsmärkte mit dem geringsten Zukunftspotenzial wahrgenommen. Die tiefergehende Analyse, ob ein Zusammenhang zwischen der Branchenzugehörigkeit und der Bewertung der Attraktivität der Beschaffungsmärkte besteht, ergab, dass es im Allgemeinen keine deutlich abweichenden Industriepräferenzen gibt. Alle aufgenommenen Branchen operieren im produzierenden Gewerbe und befassen sich im Rahmen ihrer Beschaffungsaktivitäten mit ähnlichen Fragestellungen. Unterschiede gibt es lediglich in der Bewertung einiger weniger Länder. Im Gegensatz zu den anderen beiden Industrien bewerten die Automobilzulieferer Mexiko als überdurchschnittlich attraktiv. Maschinen- und Anlagenbauer schätzen die Türkei, Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Tschechien und Slowakei interessanter ein als die Automobilzulieferer. Die Produzenten von Industriekomponenten scheinen neben den branchenüblichen attraktiven Ländern ein verstärktes Interesse an den Vereinigten Staaten zu haben. Wie auch die Maschinen- und Anlagenbauer sehen die Hersteller von Industriekomponenten zukünftig eher weniger Beschaffungspotenzial in Mexiko.

GEXSO-Beschaffungsmarkt-Matrix

GEXSO_Studie2_Grafik30Um die einzelnen Komponenten einer möglichst umfassenden Beschaffungsmarktbewertung zusammenfassend betrachten zu können, bedient sich GEXSO einer Beschaffungsmarkt-Matrix. Für die übergreifende Betrachtung der bewerteten Attraktivität und Schwierigkeit von Beschaffungsmärkten werden die errechneten Mittelwerte der einzelnen Märkte jeweils auf der vertikalen und horizontalen Achse aufgetragen. Dadurch entsteht ein Koordinatensystem, welches durch die Mediane der beiden Variablen in vier Quadranten geteilt wird. Aufgrund der Position im Koordinatensystem werden Beschaffungsmärkte vergleichbar. Dabei vereint der Quadrant I eine hohe Attraktivität mit vergleichsweise geringer Schwierigkeit für die Beschaffung, der Quadrant II eine hohe Attraktivität mit hoher Schwierigkeit, der Quadrant III eine geringe Attraktivität und hohe Schwierigkeit und der Quadrant IV eine geringe Attraktivität mit wenig Schwierigkeiten. Um die Ergebnisse richtig zu interpretieren, ist es vorweg wichtig anzumerken, dass ein Beschaffungsmarkt die beiden Merkmale Attraktivität und Schwierigkeit mit jeweils hoher Ausprägung vereinen kann, ohne einem logischen Widerspruch zu unterliegen. Das herausragende Beispiel für diese Kombination stellt der Beschaffungsmarkt in China dar. Die befragten Unternehmen sehen den Markt als äußerst schwierig an und attestieren ihm zugleich die höchste Attraktivität für die Zukunft. Dies könnte im Zusammenhang mit der wirtschaftlich sehr starken Positionierung Chinas stehen.
In China bereiten hauptsächlich der mangelnde Schutz des geistigen Eigentums, hohe Importzölle und das unzureichende Qualitätsniveau den Unternehmen Schwierigkeiten. Andererseits ist China der mit Abstand größte Einzelmarkt der Wachstumsregion Ostasiens und es liegt daher der Schluss nahe, dass China einen wesentlichen Anteil an der Wachstumsdynamik dieser Region hat. Somit vereint der Beschaffungsmarkt China sowohl eine hohe wahrgenommene Schwierigkeit, als auch ein großes Zukunftspotenzial. Im anzustrebenden Quadranten I sind vor allem die Märkte in Tschechien, Slowakei und mit Abstrichen USA und Türkei zu finden. Mit am schlechtesten schneiden die Schwellenländer Mexiko und Vietnam ab. Wie sich bereits in den beiden vorangegangenen Kapiteln angedeutet hat, sind beide Märkte weder attraktiv noch unkompliziert für Beschaffungsaktivitäten eingestuft. Trotzdem bleibt der russische Markt mit Abstand der schwierigste mit einer leicht unterdurchschnittlichen Attraktivität für zukünftige Beschaffung.

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Die Studienergebnisse zeigen, dass Unternehmen, die einen besonders starken Technologiewandel erleben, auch in besonderem Maß ihre Supply Chain transformieren. Demnach wirkt Technologiewandel als Katalysator für Globalisierung.

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